Sie hat sich zwei Tage freigenommen, um mit ihrer Freundin nach Zürich zu fahren. Die Stammleser unter euch werden das sicher schon bald an zwanzig neuen Instagram-Fotos erkennen können. Also bin ich allein zu Hause. Macht auch nichts, ich hatte ja eine Menge Arbeit. Jetzt ist aber Feierabend. Ich sitze mit einem Bier und der neuesten Brand Eins (tolle Zeitschrift) im Garten und genieße den Sonnenuntergang. Dann höre ich meinen Magen grummeln. Also schnell das Bier geleert und ab in die Küche zum Männer-Improvisations-Kochen.

Ich bin kein schlechter Koch, auch komplizierte Rezepte flößen mir so schnell keinen Respekt ein. Am liebsten koche ich aber Freestyle: ein kurzer Blick in den Kühlschrank (puh, außer Vesperzubehör nur die üblichen Verdächtigen: Joghurt, Frischkäse, rote Currypaste und ein paar Schraubgläser mit lustigem Inhalt) und in die Gefriertruhe (Bingo: Bio-Lachsfilet). Im Kühlschrank findet sich außerdem eine abgelaufene (Leute, es heißt MINDESThaltbarkeitsdatum – vertraut eurer Nase!) Packung Yufkateig. Daraus lässt sich was basteln!

Aus Ermangelung an geeignetem Gemüse wird es eine reine Lachsfilet-Yufka geben. Der Lachs wandert zum Auftauen bei allerniedrigster Stufe in die Mikrowelle und ich mache mich an den flüssigen Part. Aaalso gut. Die Basis bildet Joghurt – Creme Fraiche als Basis zu nehmen kann ich mir nicht leisten, der Unterschied ist eh nur marginal – und ein großzügiger Haufen roter Currypaste. Schärfe und asiatischen Grundgeschmack hätten wir damit schonmal abgedeckt. Hier lerne ich auch zum hundertsten Mal, dass man den Löffel nicht abschlecken sollte, wenn man sich die Geschmacksknospen nicht schon vor dem Abschmecken zerstören will. Weils ein Fischgericht wird, nehme ich zum salzen Sardellenfilets. Dazu ein paar Kapern, die standen grad daneben.

Säure haben wir mit Currypaste, Joghurt und Kapern genug, für die erdige Bitterkeit sorgt die Paste auch. Um alle Geschmacksrichtungen abzudecken – und das ist die Grundregel fürs Freestyle-Kochen: Alle vier (Umami wird ignoriert) Geschmacksrichtungen müssen im Einklang sein, dann wirds was – fehlt also nur noch eine leichte Süße. Ketchup. Was? Ja, Ketchup. Der besteht aus Tomaten, Essig und Zucker und ist damit ein idealer Geschmacksabrunder überall da, wo Tomaten nicht fehl am Platz sind. Tomatensoße schmeckt naja? Ketchup! Die Bolognese braucht noch ein “etwas”? Ketchup! Ketchup ist meine Geheimwaffe mit anti-kulinarischem Ruf.

Okay, vorsichtig abschmecken: Schärfe knallt, Säure britzelt, erdig isses, die leichte Süße macht mmh – fehlt noch etwas salz. Das packen wir in Form von Sojasoße hinzu, wo wir uns doch geschmacklich schon im Osten aufhalten. So. Perfekt. Jetzt verteile ich diese Soße großzügig auf zwei ausgebreiteten Yufkablättern und lege je ein Lachsfilet darauf. Beim Versuch, das Konstrukt zusammenzurollen, zeigt sich, dass das abgelaufene Mindesthaltbarkeitsdatum zwar nicht den Geschmack, jedoch die Konsistenz der Yufkablätter nachhaltig beeinträchtigt hat: Bei der kleinsten Berührung brechen sie auseinander, so dass ich am Ende mit zwei unförmigen, leckenden Paketen da stehe.

vorher

Egal. Die Päckchen werden – vooooorsichtig – auf ein Blech gehievt und ab damit in den Ofen. 200° Umluft mit Grill – der Joker der Backofenkonfigurationen. Es wäre doch gelacht, wenn daraus nicht noch ein passables Abendessen würde. Ich trinke mein zweites Bier aus.

10 Minuten später – meine Päckchen sehen aus wie Kriegsveteranen, die in der heißen Sonne irgendeines äquatornahen Schurkenstaates einiges einstecken mussten. Also ziemlich lecker. Ich bezweifle aber, dass der Lachs schon durch ist und gönne ihnen deshalb nochmals zehn Minuten bei ausgeschaltetem Ofen. Das sollte reichen.

Und siehe da: Es kommt tatsächlich etwas zum Vorschein, das nach viel mehr Plan aussieht, als ch dabei je hatte. Da hab ich mir auf jeden Fall noch ein Bier verdient.

nachher