Guten Tag. Mein Name ist Er und ich fürchte, ich habe ein leichtes Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Selbst mein produktivster Arbeitstag ist durchlöchert von kurzen Unterbrechungen, nach denen mein Hirn schreit sobald mir Aufgaben zu stupide werden oder irgendwelche Probleme meinen Flow ins stocken bringen. Ziel meiner Abschweifungen sind meist Websites von zweifelhaftem Informationsgehalt und flacher Unterhaltung. Seit einiger Zeit hat sich das geändert, denn ich habe Reddit entdeckt.

Reddit ist das möglicherweise größte Webforum der Welt. Aufgeteilt in unzählige Subreddits zu absolut jedem (ja, jedem!) Thema, bietet es eine Plattform für das ganze Charakterspektrum, das so ein Internet zu bieten hat. Die schiere Informationsflut ist aber nicht, was Reddit in meinen Augen auszeichnet; es ist die Art und das Niveau, auf dem diese Informationen und Meinungen ausgetauscht werden. Völlig untypisch für den größten Rest des Internets, in dem Menschen auf anonymer Basis aufeinandertreffen, ist der Umgangston nämlich geprägt von Respekt, Empathie und dem Willen zu helfen.

Beispiele? Gern.

Hier schreibt ein Redditor über seine neugefundene Liebe zum Schreinern und fragt nach Unterstützung beim Kaufen von Holzlatten im nächsten Baumarkt. Die benötigte Hilfe ist allerdings nicht fachlicher Natur: Der Autor leidet unter Social Anxiety (DEUTSCH) und hat Angst vor der unbekannten Situation und der dazugehörigen sozialen Interaktion. Auftritt User “jakkarth“: In über 700 Worten beschreibt dieser akribisch den genauen Ablauf des Holzkaufs in allen Details und endet mit den Worten “As someone who hates surprises and likes as much information up front as possible, I hope this helps […]”. Die Reaktion des Fragestellers ist ein virtuell geschrienes “SWEET JESUS THANK YOU!”.

Das Subreddit (so werden die vielen Unterforen genannt) “Confessions” ist gut gefüllt mit den dunkleren Momenten menschlicher Existenz. Die meisten Verfehlungen, die einem so unterlaufen können, kommen dort ans Tageslicht, meist gepaart mit ehrlicher Reue, und auch hier: Keine Spur von anonymer Hetze, Hassbotschaften oder auch nur schlecht verhohlenem Sarkasmus. Stattdessen Verständnis, Ratschläge, ja sogar Absolution.

Und dann kommt da dieser Typ um die Ecke. In /r/confessions erzählt er davon, dass auf seinen etwa jährlich stattfindenden Geschäftsreisen seine Frau betrügt. Die wisse von nichts, aber es helfe seinem Selbstbewusstsein, seiner Ausgeglichenheit und nicht zuletzt dem ehelichen Sexleben. Die Reaktion? Selten hat verbal so eine aufs Maul bekommen wie dieser Typ. Ich schreibe das mit einer gewissen Genugtuung, denn meine wachsende Befürchtung beim Lesen seines Berichts war, dass die Reddit-Gemeinde sich wieder in Respekt und Toleranz üben würde. Was ich bei anderen – zum Teil größeren, aber ehrlich bereuten – Verfehlungen so oft erlebt hatte, wiederholte sich hier nicht. Der Mob machte kurzen Prozess mit der egoistisch verdrehten Moral des Verfassers und wandte sich dem nächsten Thema zu.

Wie gesagt: Meine Begeisterung über reflektierten Umgang miteinander würde sich in Grenzen halten, hätte ich nicht jahrelang gelernt, dass solches Verhalten im Internet normalerweise im Keim erstickt wird, die Trollerei regiert und jeder seine Meinung so laut durch die Foren schreit, wie es die Shift-Taste erlaubt. Deshalb ist Reddit schon seit Monaten das Prokrastinationsinstrument meiner Wahl.

A pro pos Prokrastination, darüber sollte ich auch mal was schreiben. Aber jetzt erstmal auf Reddit schauen.