[Er] Was für eine Stadt. Ich weiß nicht, ob es eine schnellere Möglichkeit gibt, von Deutschland aus in eine völlig andere Welt zu flüchten. Mit Ryanair sind wir aus Memmingen gestartet, steigen nach nur dreieinhalb Stunden Flugzeit aus dem Flieger und laufen ersteinmal gegen eine Wand aus trockener Hitze: Um 22 Uhr noch immer 35° Celsius. Aber mit dem leichten Wind weht uns auch gleich ein eigentümlicher Geruch entgegen. Es riecht nach Orient.
airport
[Sie] Es riecht nach Orient und Kerosin. Schnell raus aus dem Flughafen. Draußen erwartet uns schon unser Fahrer, der uns zu unserem Riad bringen wird. Wir steigen ein in unser Taxi: ein uralter Mercedes dessen Sitze sich anfühlen, als würde demnächst der Allerwerteste auf dem Boden schleifen. 2 Millionen Kilometer habe das Auto drauf. Man habe schon das ein oder andere mal was austauschen müssen, aber es sei halt ein Mercedes. (Vielleicht hat auch die Schublade “Französisch” in meinem Hirn noch etwas geklemmt und die zwei Millionen Kilometer sind vielleicht nur eine Million. Egal.) Sobald wir das Flughafengelände verlassen haben, empfängt uns die Stadt mit dem typischen Straßenleben. An jeder Kreuzung trifft man pro Auto auf 5 Mofas, auf die irgendwie immer mehr als 2 Leute passen. Alles wuselt. Arabisches und französisches Gestreite (zumindest hört es sich so an) und wildes Gehupe ergeben eine ganze eigene Melodie.
city-at-night

foto von kali-ma (cc)
[Er] Ich glaube, es waren zwei Millionen. Wir fahren eine Weile lang an der alten Stadtmauer entlang, hinter der sich die Medina, die Altstadt, verbirgt. Dann biegen wir rechts ab, fahren durch ein schmuckes Stadttor und werden jetzt völlig verschluckt. So viel Lärm, so viele Menschen. Auf einem kleinen Platz ist die Reise zu Ende und Thierry, der Besitzer des Riads, löst den Taxifahrer ab. Zu Fuß geht es weiter, vorbei an einer kleinen Metzgerei, wo auf luftgefüllten Schweineblasen ungekühlte Innereien präsentiert werden. Ein junger Mann trägt eine Hand voll lebendiger Hühner vorbei. Menschen scharen sich um einen Haufen Klamotten, die auf dem Boden liegen. Links und rechts rasen Mopeds so dicht an uns vorbei, dass wir den Luftzug spüren können. Es herrscht ein wahnsinniger Betrieb, und mir bleibt von der Reizüberflutung fast die Luft weg.
dinner
[Sie] Thierry ist Franzose und offensichtlich an diesen wilden Tanz hier gewöhnt, denn zielstrebig steuert er uns durch dieses orientalische Chaos. Nach fünf Minuten zu Fuß, in denen Thierry uns immer wieder auf markante Punkte zur Orientierung hinweist, halten wir in einer kleinen Seitengasse vor einer eher unscheinbaren, antik aussehenden schweren Holztüre und sind vorerst am Ziel: das Riad Matham. Und ganz ernsthaft: ohne Thierry hätten wir das niemals gefunden. Niemals. Er schließt die Türe auf und uns empfängt Ruhe. Absolute Stille. Wahnsinn. Im Innenhof des ehemaligen Herrenhauses, das von Thierry liebevoll mit Stil und einem guten Auge für Details und Design renoviert wurde, ist ein türkis schimmerndes Wasserbecken eingelassen, das von Kerzen drumrum erleuchtet wird.
room-at-night
[Er] Daneben ein niedriger Tisch, ein Sofa, und ein selbstgekochtes Abendessen, mit dessen Genuss wir endgültig in Marrakech angekommen sind. Danach meldet mein Hirn das Ende der heutigen Aufnahmekapazität an und verlangt nach einer Regenerationsphase. Der Körper ergänzt weniger eloquent: “Bett!”. Erst am nächsten Morgen sehen wir, wie schön auch unser eigenes Zimmer ist: Endlos hohe Decken mit Holzarbeiten, die wohl das persische Äquivalent zu Stuck darstellen. Uralte Holztüren, das Bad mit Messingarmaturen, alles ist dekoriert mit frischen Rosenblüten und über dem Bett hängt ein riesiges Gemälde. Im Innenhof wartet schon ein üppiges Frühstück auf uns: Getoastetes Brot, Pfannkuchen, frisches Obst, süßer Trinkjoghurt, Kaffee und frischgepresster Orangensaft. Nach diesem Genuss klebt mir zwar der Mund zusammen vor lauter Süße, aber ich bin auch bereit, mich wieder in diese Welt da draußen zu wagen.
breakfast
[Sie] Wir sind dieses Mal völlig unvorbereitet. Stadtplan? Things-to-see-Liste? Fehlanzeige. Gut so. Mit einem handgemalten Plan von Thierry überlassen wir uns der Stadt. Wir stromern durch die Souks und kommen zunächst durch einen Lebensmittel-Markt der Einheimischen. Ein Albtraum für jede deutsche Gesundheitsbehörde und eine helle Freude für den kulinarischen Abenteurer. Bergeweise frisches Gemüse liegt einfach auf dem Boden. In kleinen Zellen, die gerade mal 1,5 Meter Auslagefläche haben, lagern frische Innereien, gerade geschlachtete Hühner und stapelweise Fische. Melonen, so groß wie Medizinbälle! Körbeweise Gewürze. Und Fliegen. Überall Fliegen. Ein älteres Mütterchen hat Auberginen und büschelweise Minze dabei. Und plötzlich fängt eine Stimme an zu singen und zu heulen und einige Männer verlassen zügig ihre Stände, denn der Muezzin ruft zum Gebet. Marrakech hat viele Moscheen und nach und nach stimmen die einzelnen Muezzins in einen eigenartigen, orientalischen und wehmütigen Chor ein.
market
Das war Teil 1 — Fortsetzung folgt!